Dieser Text ist während der Saison 2025 entstanden
Diese Frage habe ich noch nie gestellt bekommen. Komisch eigentlich, denn letzte Saison starb meine Großmutter und gerade habe ich die Nachricht bekommen, dass meine Großvater jetzt im sterben liegt.
Ich werde wahrscheinlich, wie zur Beerdigung meiner Großmutter, auch nicht zu seiner gehen. Die Saison startet gerade. In diesen Momenten hasse ich das Hüttenleben.
Ich erinnere mich an eine Geschichte von ihm: er war tanzen als ein Freund auf ihn zukam und sagte, dass sein Großvater gestorben sei. Er erwiderte: “...und was soll ich da jetzt machen?”
So war er drauf. Er ist jetzt 94, hat sich heute entschieden, dass er keinerlei medizinischen Eingriffe mehr an ihm haben möchte. Man müsse ihm die Zehe abnehmen, das Blut waschen und die Lunge punktieren und er sagt: fickt euch! Ich bin fertig hier.
Während ich das alles erfahre, rufen mich Gäste an und stornieren, weil zu viel Schnee am Weg liegt. Im Tourismus bzw. Gastronomie beschäftigt zu sein, ist manchmal so herrlich weltfremd. Das ganze am Berg zu machen, macht die Sache noch absurder. Ich sitze hier auf 2.227m, während sich die Lunge meines Großvaters mit Wasser füllt und die Infektion in seinem Zeh sich in seinem Körper ausbreitet. Währenddessen kommen drei Gäste zu spät zum Abendessen.
Im Tourismus ist alles Versprechen und Sehnsucht. Am Berg ist alles Wetter und Essen. Natürlich denkt hier keiner an den Tod. Ich ja auch nicht. Woran ich denke? Wie nichtig unsere ganze Existenz ist. Ich stehe auf dem Schwarzensteinsattel während meine Großvater langsam einschläft.
Viele meiner Kollegen beschweren sich über alles. Vor allem über alles was Geld kostet. Zu hohe Personalkosten, O-Saft ist 60% teurer geworden, blöde Gäste, die am Abend nur das Bergsteigeressen und Skiwasser konsumieren. In diesem Moment ist mir das alles egal. Sowas von. Eigentlich sollte das die Grundeinstellung zum Leben sein. Eigentlich sollte ich zu meinem Großvater ans Sterbebett fahren. Er war immerhin tanzen und hatte Spaß, während sein Großvater starb. Ich hänge hier rum und beantworte Fragen bezüglich des Wetters. Ich bin ein trauernder Wetterbericht.
Ich werde wahrscheinlich hier bleiben. Vielleicht sollte ich tanzen. Ich sollte mir etwas von der Lässigkeit meines Großvaters aneignen. Er hat wahrscheinlich nichts davon, wenn ich bei ihm wäre. Es wäre nur um mein erbärmliches Gewissen zu beruhigen, dass ich ein guter Mensch bin, weil ich beim Tod meines Großvaters vor Ort war, während die Wahrheit ist, dass ich besser zu seinen Lebzeiten hätte bei ihm sein sollen.